Eine Frage des Formats

Jedes Bildformat hat seine Berechtigung und seinen Reiz. Und jedes Format ist gleichzeitig immer auch ein Kompromiss mit Vor- und Nachteilen. Manche Formate mag man lieber, andere weniger und es ist daher mehr eine Frage des Geschmacks, welches man bevorzugt. Natürlich kommt es auch immer auf den Bildinhalt und den Verwendungszweck an, welche Bild- resp. Sensor-Grösse die beste Wahl ist. Unterschiedliche Film-Formate gibt es schon sehr lange. Eine der wichtigsten Erfindungen war sicher die Definition des Kleinbildformats 24 x 36 mm durch Oskar Barnack von Leica vor hundert Jahren.

Woher stammen eigentlich die gebräuchlichsten Formate? Seit Jahrhunderten haben sich Menschen bemüht, gültige Regeln für ausgewogene und gefällige Gestaltungen zu finden. Ein gutes Beispiel dafür ist der „Goldene Schnitt“, welcher auf Euklid, also auf die alten Griechen zurückgeht. Es ist deshalb kein Zufall, wenn Film-, Sensor-, Papier- oder Rahmendimensionen in etwa ähnliche Proportionen haben. Diese werden von den meisten Menschen als natürlich und harmonisch empfunden. Die heutigen Papierformate zum Beispiel gehen zurück auf die Zeit der französischen Revolution und werden seit zweihundert Jahren verwendet. Und: ein Foto im 2:3er-Verhältnis lässt sich ohne Beschnitt gut auf DIN-Papierformate wie z.B. A4 drucken, was man vom Format 1:1 nicht behaupten kann.

Während der Zeit des Silberfilms wurde für Kleinbild (heute Vollformat genannt) hauptsächlich das Format 24 x 36 mm verwendet, es waren aber auch verschiedene Formate für Rollfilme in Gebrauch, z.B. 4.5 x 6 cm, 6 x 6 cm, 6 x 7 cm, 6 x 8 cm, 6 x 9 cm oder 6 x 17 cm (Pano). Und daneben gab es noch Grossbild-Formate wie 4 x 5“ oder 8 x 10“, 13 x 18 cm usw. Bei der Umstellung auf digitale Sensoren wurden nicht mehr alle Formate beibehalten und es setzten sich hauptsächlich zwei Grössen mit den Seitenverhältnissen 2:3 und 3:4 durch.

Heute ist natürlich eine Fotokamera ideal, an der sich das geplante Endformat beliebig wählen und einstellen lässt. Damit wird die Gestaltung des Bildes stark erleichtert, da die genauen Abmessungen im Sucher klar sichtbar sind. Bei Kameras ohne diese Möglichkeit, muss man sich die Bildgrenzen in etwa vorstellen, genug Raum um das wichtigste Sujet lassen und das Bild dann in der Nachbearbeitung entsprechend zuschneiden. Wenn im Raw-Format aufgenommen wird, speichern professionelle Kameras übrigens meistens das komplette Bild im Sensor-Originalformat, auch wenn ein kleinerer Ausschnitt gewählt wird. Beispiel: Man kann in der Nachbearbeitung immer noch 2:3 oder ein anderes Format wählen, auch wenn für die Aufnahme nur 1:1 eingestellt war.

Diese freie Formatwahl ist eine der ganz grossen Stärken der heutigen digitalen Fotografie. Leider ist das vielen Fotografen nicht bewusst und sie arbeiten deshalb immer mit dem vom Kamerahersteller voreingestellten nativen Format.

Die Wahl des Bildformats beeinflusst auch die Wirkung der Bildelemente untereinander. Ein Bild im Verhältnis 2:3 wirkt anders als die gleiche Aufnahme im Verhältnis 4:5 oder 1:1. Eine Panorama-Aufnahme würde sich nochmals anders präsentieren. Hier muss jeder Fotograf abwägen und entscheiden, was er darstellen und aussagen will und welches Format ihn dabei am besten unterstützt. Schauen wir uns die verschiedenen Formate anhand von Beispielen an. Weil ich mit einer 2:3-Kamera arbeite, sind die Basisaufnahmen (mit Ausnahme bestimmter Panoramas) jeweils in diesem Format erstellt worden.

 

Format 1:1 (Quadrat)
Früher eine Domäne von Hasselblad, Rollei usw., also klassisches Mittelformat. In den letzten Jahren etwas vergessen, hat Instagram dieses Format jetzt wieder aufleben lassen und man kann es auch bei Smartphones auswählen. Das quadratische Format 1:1 nimmt eine Sonderstellung ein: Es gibt viele unterschiedliche Rechtecke, aber nur ein Quadrat. Es braucht Übung, um damit aussergewöhnliche Bilder zu machen. Einige Fotografen arbeiten aber ausschliesslich in diesem Format und haben es darin zur Meisterschaft gebracht. Allerdings gibt es beim Ausdruck immer Abfall, weil es ja keine quadratischen Papierformate gibt. Wer viel damit arbeitet, sollte sich einen Printer mit Rollendruck-Möglichkeit zulegen um den Papierverbrauch zu reduzieren.

Dieses Mittelformat wurde früher damit beworben, sowohl quer- wie auch hochformatige Abzüge vom gleichen Negativ machen zu können. Damit aber wirklich gute Kompositionen erreicht wurden, musste bereits bei der Aufnahme entschieden werden ob hoch oder quer, beides ging und geht auch heute in den wenigsten Fällen, also ein Widerspruch zur Werbung. Ausserdem war durch den Beschnitt auch der Vorteil der gegenüber dem Kleinbild grösseren Bildfläche teilweise wieder dahin.

Das Titelbild dieses Beitrags zeigt rechts die Originalaufnahme im Format 2:3 und links einen 1:1 Ausschnitt. Für mich ist das linke Bild klarer in der Aussage und damit besser.

1:1-Ausschnitt: Konzentration aufs Wesentliche
Original im Format 2:3
 

Format 2:3
Wie bereits erwähnt, ist dieses Format eines der ältesten und am häufigsten verwendeten. Ich selbst empfinde dieses „Standard“-Kleinbildformat 2:3 als eines der besten Formate überhaupt, da es dem natürlichen Sehen nahekommt, vor allem im Querformat. Das Gesichtsfeld des Menschen beträgt ja ca. 2:3. Wegen seiner Breite ist es ein idealer Kompromiss für die Landschaftsfotografie. Bilder im Hochformat finde ich jedoch meistens als zu lang und beschneide sie deshalb häufig auf 4:5 oder 3:4. Unverständlicherweise findet man heute viele Posts im Internet, die dieses Format schlecht reden. Dabei haben grosse Künstler wie Cartier-Bresson, nebenbei bemerkt, ihr ganzes Leben ausschliesslich in diesem Format fotografiert und Meisterwerke damit geschaffen.

 
Sonnenaufgang über dem Engstlensee
Sonnenaufgang über dem Engstlensee (Orginalformat 2:3)
Terrasses de Lavaux (Originalformat 2:3)
 

Format 3:4
Lange Zeit fast ausschliesslich in der Mittelformat-Fotografie eingesetzt, z.B. im Format 4.5 x 6 cm (Pentax und Bronica-Modelle sowie Wechselmagazine für Hasselblad und Rollei) oder 6 x 8 cm (z.B. Fuji GX680). Ist heute häufig das Standardformat für Smartphones und im digitalen Mittelformat, aber auch bei den Micro-Four-Third Kameras von Panasonic und Olympus. Ein Beschnitt vom Originalformat 2:3 auf 3:4 ergibt übrigens ein leicht grösseres Format als ein Beschnitt auf 4:5.

Tällisee-Aletschgletscher
Tällisee-Aletschgletscher, Beschnitt auf 3:4
Original im Format 2:3
Matterhorn, Beschnitt auf 3:4
Original im Format 2:3
 

Format 4:5
Früher das Einstiegsformat in die Grossformat-Fotografie. Viele berühmte Aufnahmen alter Meister sind in diesem Format erstellt worden. Ich schätze diese Proportionen und finde sie einen guten Kompromiss zwischen 2:3 und 1:1. Das Seitenverhältnis ist ausgewogen und etwas mehr quadratisch als das Format 3:4. Meine bisherigen Kameras erlaubten die Vorwahl dieses Formats leider nicht und ich musste die Bilder nachträglich beschneiden.

Juralandschaft, Beschnitt auf 4:5
Original im Format 2:3
Emmentaler Winterlandschaft
Emmentaler Winterlandschaft, Beschnitt auf 4:5
Original im Format 2:3
 

Format 9:16
Ursprünglich für Video entwickelt, ist es auch ein moderates Panoramaformat. Die meisten digitalen Kameras und Smartphones bieten dieses Format als Wahlmöglichkeit. Bilder im Seitenverhältnis 9:16 passen perfekt auf die heutigen Computer-Bildschirme inkl. Smartphones sowie Fernseher. Ich nutze es häufig in Kombination mit Ultraweitwinkel-Objektiven um einen Teil des Vordergrunds und / oder des Himmels abzuschneiden und damit das Wesentliche im Bild zu betonen.

Bern Wankdorf, Beschnitt auf 9:16
Original im Format 2:3
 
Oeschinensee
Oeschinensee, Beschnitt auf 9:16
Original im Format 2:3
 

Panorama
Bei umwerfenden Aussichten kann dieses Format das einzig richtige sein. Panorama-Formate gibt es mit allen möglichen Seiten-Verhältnissen. Für mich stehen die gemässigten Formate von 1:2 bis 1:3 im Vordergrund. Ich habe auch schon grössere Panos erstellt, wegen unserem eingeschränkten Sehfeld wirken sie jedoch rasch unnatürlich. (Niemand kann gleichzeitig 360 Grad einsehen.) Häufig versuche ich zu den normalen Aufnahmen auch noch ein Panorama. Manchmal finde ich dieses am Schluss sogar besser als das vermeintlich „beste“ Bild. Panoramas lassen sich durch „Stitching“ mehrerer Aufnahmen einfach realisieren. Wenn der Ausschnitt jedoch zu gross gewählt wird, gibt es unschöne Krümmungen gerader Linien, was total unnatürlich wirkt. Häufig ist deshalb ein Beschnitt einer Weitwinkel-Aufnahme die bessere Lösung. Voraussetzung dafür ist aber, dass genug Pixel zur Verfügung stehen, was für Kameras mit hochauflösenden Sensoren spricht.

Luzern, Ausschnitt als Panorama
Original im Format 2:3
Gorges du Pichoux
Gorges du Pichoux, Pano mit Canon TSE 24mm, 2 Aufnahmen
 

Das Arbeiten mit verschiedenen Formaten macht Spass und erweitert die kreativen Möglichkeiten der Fotografie. Probieren Sie es aus!

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