Sind externe Belichtungsmesser im digitalen Zeitalter noch sinnvoll?

Vielen Fotografen ist nicht einmal bewusst, dass es externe Belichtungsmesser gibt und sie vermissen diese Geräte auch nie. Andere schwören darauf und messen die Belichtung für die meisten ihrer Aufnahmen mit einem Handbelichtungsmesser. Dann gibt es noch jene Fotografen, die zwar von ihrer Existenz gehört haben aber annehmen, dass es sich ausschliesslich um Relikte aus vergangenen Tagen handelt. Für die kleine Gruppe von engagierten Fotografen die sich fragen, ob es sich lohnt, ein zusätzliches Gerät anzuschaffen, möchte ich hier der Frage nachgehen wie wichtig externe, moderne Handbelichtungsmesser in der heutigen, digitalen Foto-Welt sind. Brauchen Fotografen mit modernsten Kameras heutzutage wirklich noch zusätzlich einen externen Belichtungsmesser? Und wenn ja, wofür und mit welchen Vorteilen und Nutzen. In Anbetracht der zusätzlichen Anschaffungskosten und des aufzubauenden Know-hows die wichtigsten Fragen. Schlussendlich zählt nur das fertige Bild, wie die Belichtung gemessen wurde interessiert nicht, solange diese korrekt und stimmig ist. Vorausschicken möchte ich noch, dass für mich die Landschaftsfotografie im Vordergrund steht und meine Überlegungen sich vor allem um diesen Bereich drehen.

Bevor wir näher auf die Möglichkeiten der externen Belichtungsmessung eingehen, sollten wir darüber nachdenken, aus welchen Gründen sie heute so selten eingesetzt wird. Wenn man sich dann aber überlegt, wieviel Belichtungs-Komfort moderne Kameras heute bieten, ist das nicht mehr weiter verwunderlich. Die in Kameras eingebauten Belichtungssysteme bieten zwar ausschliesslich Objektmessung, das aber mit folgenden Vorteilen:
– in praktisch jeder Kamera bereits eingebaut
– in den meisten Situationen zuverlässig und präzise
– Wahl zwischen Mehrfeld-, mittenbetonter und Spot-Messung
– Verlängerungsfaktoren bei Makroaufnahmen automatisch berücksichtigt
– Filterfaktoren automatisch berücksichtigt
– Live-View: Vorschau des gesamten Bildes wie die Aufnahme aussehen wird
– Zebra-Funktion: überbelichtete Stellen werden auf dem Display und im Sucher mit Streifen angezeigt und man sieht genau, welche Stellen im Bild Probleme bereiten werden
– Histogramm, auch als Vorschau bereits vor der Aufnahme
– einfache Korrekturmöglichkeiten der Belichtung bis zu +5 und -5 Stufen

Als Nachteil der Objektmessung kann erwähnt werden, dass sie sich von sehr hellen oder dunklen vollflächigen Motiven immer noch austricksen lässt. Mittels Live-View und Belichtungskorrektur ist dieses Problem aber mit einem kleinen Dreh am Korrekturrad schnell behoben. Im schlimmsten Fall sieht man Fehler erst bei der Kontrolle des Bildes und muss die Aufnahme mit geänderten Werten wiederholen. Für die meisten Fotografen lohnt es sich also, das in der Kamera eingebaute Belichtungssystem gut zu verstehen und einzusetzen.

Wieso setzen dann Einzelne immer noch auf externe Belichtungsmesser? Diese bieten eben Möglichkeiten, die von den eingebauten Systemen nicht abgedeckt werden, z.B. die Lichtmessung und die Blitzbelichtungsmessung. Wie wir sehen werden, sind diese Features aber nicht für alle wichtig und nützlich. Ob ein externer Belichtungsmesser hilfreich ist, hängt davon ab, wie gearbeitet wird. Betrachten wir deshalb die einzelnen Gebiete der Fotografie unter dem Gesichtspunkt, wieviel Zeit für Aufnahmen zur Verfügung steht.

Zeitkritische Aufnahmen
Situation kann vom Fotografen nicht beeinflusst werden, es können nur Standort und Tageszeit geplant werden. Wer also Sport, Action, Autorennen, Tiere in freier Wildbahn oder Reportagen usw. fotografiert, dem hilft kein externer Belichtungsmesser. Hier zählen vor allem Schnelligkeit und rasche Reaktion auf die Situation.

Nicht zeitkritische Aufnahmen
Der Fotograf kann – ausser dem Wetter – die Umgebung und den Ablauf selber steuern, d.h. die Aufnahmen werden sorgfältig geplant. Das gilt für Mode-, Hochzeit-, Architektur- und Studio-Fotografie (Portrait-, Food-, Sachfotografie), aber auch für Landschaften. Für diese Bereiche kann ein externer Belichtungsmesser eine echte Hilfe sein: mit dem nötigen Wissen und praktischen Erfahrungen werden Belichtungen noch genauer als mit der besten Automatik. Für den Studio-Einsatz mit diversen Blitzen können Blitzanlagen für Testblitze direkt über den Belichtungsmesser ausgelöst werden. Dies um einzelne Blitze getrennt zu messen und das Verhältnis der Blitzstärke untereinander und ggf. deren Tageslicht-Anteil festzulegen. Das ist nur mit externen Blitz-Belichtungsmessern möglich. Dadurch spart man viel Zeit für aufwändige Versuchsaufnahmen und schont zudem noch die Nerven eventueller wartender Modelle. Je nach Aufwand, der für solche Aufnahmen getrieben wird, fallen die einmaligen Kosten eines externen Belichtungsmessers nicht ins Gewicht. Für Landschaftsaufnahmen können Kontrastmessungen durchgeführt werden zum Bestimmen, ob HDR-Aufnahmen nötig sind, resp. welche Stärke die Grauverlaufsfilter haben sollen. Auch für Anhänger des Zonensystems gibt es Unterstützung: ein integrierter Zonenrechner spart Kopfrechnen und ist sehr komfortabel.

Folgende Arten der Belichtungsmessung können von externen Belichtungsmessern unterstützt werden:

1. Lichtmessung
Obwohl sie vielfach auch für die Landschaftsfotografie propagiert wird, liegt die Stärke der Lichtmessung im Studio-Einsatz. Hier habe ich alles unter Kontrolle und bin zu Fuss in ein paar Sekunden am richtigen Ort zur Messung. Der grösste Vorteil ist dabei, dass der Reflexionsgrad der einzelnen Objekte unberücksichtigt bleibt, d.h. eine komplett weisse Szene bleibt weiss, eine schwarze schwarz. In Kameras verbaute Belichtungsmesser, die ja Lichtmessungen nicht beherrschen, lassen sich systembedingt von solchen Situationen immer noch in die Irre führen und tendieren ohne manuelle Korrektur zu Unter- resp. Überbelichtungen. Ein grosser Nachteil der Lichtmessung, d.h. wenn nur eine einzige Messung durchgeführt wird, ist dass diese keine Aussage über den Motivkontrast gibt. Im schlimmsten Fall ist die Aufnahme dann in den Lichtern oder in den Schatten (oder in beiden) ausgeschossen und damit unbrauchbar. Auch per Lichtmessung können übrigens Kontrastmessungen gemacht werden.

Der wichtigste Grund gegen einen Einsatz in der Landschaftsfotografie ist für mich, dass Gegenlicht-Messungen nicht möglich sind. Das heisst, die reizvollsten Lichtstimmungen bei Sonnenauf- resp. -untergang können nur mit Objektmessungen zuverlässig gemessen werden. Aber auch bei der Makrofotografie, z.B. Nahaufnahmen von Blumen, ist die Lichtmessung wegen der nötigen Verlängerungsfaktoren ungeeignet. Bei modernen Makro-Objektiven mit Innenfokussierung kann man nicht einmal mehr den verlängerten Auszug messen um so den Verlängerungsfaktor zu bestimmen. Hier ist also die Ersatzmessung mit dem Kamera-internen System auf eine Graukarte die einfachere und verlässlichere Lösung.

Messen von Filtern mit eingeschobener Kalotte: Mit externen Belichtungsmessern können auch Verlaufsfilter gemessen und kontrolliert werden. Einer meiner Lee-Filter hat z.B. nur einen Faktor von 2.5 statt 3, ist also falsch markiert worden.

2. Objektmessung
Es braucht viel Erfahrung um mit 1°-Spotmessungen von Handbelichtungsmessern bessere Resultate in der Objektmessung zu erzielen, als mit den ausgeklügelten Messsystemen moderner digitaler Kameras. Auch der Messbereich ist entscheidend: Was nützt mir das beste und genaueste Gerät, wenn in der Dämmerung keine Messung resp. nur eine Lichtmessung möglich ist? Hinweis: alle externen Belichtungsmesser haben den grössten Messbereich für die Lichtmessung.
Selbstverständlich kann auch die Kamera-interne Spotmessung für Kontrastmessungen oder für das Zonensystem eingesetzt werden, allerdings mit dem Nachteil, dass für präzise Messungen eine lange Brennweite montiert und die Kamera auf dem Stativ auf die zu messenden Bereiche geschwenkt werden muss. Der gewählte Ausschnitt muss dann nach der Messung wieder neu justiert werden. Der Kontrast wird anschliessend mittels Kopfrechnen ermittelt, je nach Tagesform mehr oder weniger fehleranfällig. Aber grundsätzlich ist es schon so, dass diese Objektmessungen auch mit der Kamera möglich sind, das Arbeiten mit einem externen Belichtungsmesser ist diesbezüglich deutlich komfortabler.

3. Blitzmessung
Messen einzelner oder mehrere Blitze, inkl. Anteil des Tageslichts, Auslösen der Testblitze per Funk, siehe Kommentare weiter oben unter „Nicht zeitkritische Aufnahmen“.

 

Marktsituation
Es gibt nicht mehr viele Hersteller von externen Belichtungsmessern, hauptsächlich Gossen und Sekonic, evtl. noch Kenko. Minolta und Pentax haben diesen Bereich schon seit längerer Zeit aufgegeben. Es gibt preisgünstige Modelle, mit denen ebenfalls exakte Messungen möglich sind, in der Regel jedoch nur die Lichtmessung beherrschen. Sobald man aber draussen in der Natur gezielt Tonwerte anmessen möchte, kommt man um die Anschaffung eines 1°-Spotmeters nicht herum. Und das sind leider immer auch die aufwändigsten und teuersten Modelle.

Neben Belichtungsmessern von Minolta und Pentax die ich früher für Film eingesetzt habe, verwende ich heute ausschliesslich zwei Geräte von Gossen. Das soll keine Gossen-Werbung sein und hat folgende Gründe: Die Testblitz-Auslösung per Funk für das Elinchrom-Blitzsystem war zum Kaufzeitpunkt mit Sekonic nicht möglich. Ausserdem fehlt bei diesem Hersteller die Unterstützung des Zonensystems. Störend in der Handhabung ist auch, dass bei Sekonic alle Messungen wieder manuell gelöscht werden müssen. Bei Gossen ist das viel praktischer gelöst: ein erneuter Druck auf die Messtaste löscht alle vorherigen Messungen automatisch. So muss es sein, alles andere ist viel zu zeitraubend und fehleranfällig.

Gossen Digisky
Verwendung: Lichtmessung und Blitzbelichtungsmessung im Studio, drahtlose Auslösung für Elinchrom, Auslösung mit Synchronkabel für andere Blitzanlagen. Auf die ebenfalls eingebaute Objektmessung mit 20° Messwinkel und ohne optische Kontrolle des gemessenen Bereichs würde ich mich nur in Notfällen verlassen.
Bewertung: Modernes, leichtes und handliches Gerät für die Lichtmessung im Studio. Empfohlen für den Einsatz im Studio.

Gossen Starlite 2
Verwendung: Objektmessung mit 1° oder 5° Messwinkel, Kontrastmessungen und integriertes Zonensystem. Lichtmessung und Blitzbelichtungsmessung im Studio. Auslösung der Testblitze mit Synchronkabel.
Bewertung: Sehr genaue 1°-Messungen möglich für Kontrastmessungen oder Messungen nach dem Zonensystem (beides Objektmessung). Sehr einfach und praxisgerecht zu handhaben, kurze Einarbeitungszeit. Perfekte Unterstützung des Zonensystems. Dies ist übrigens ein Alleinstellungsmerkmal dieses Gerätes: Nach meinem Kenntnisstand gibt es keinen anderen externen Belichtungsmesser, der das Zonensystem unterstützt. Auch Lichtmessungen resp. Blitzbelichtungsmessungen beherrscht dieser Belichtungsmesser. Für Kontrastmessungen mit der Objektmess-Methode würde ich mir einen noch grösseren Messbereich wünschen, siehe auch meinen Kommentar inkl. Umgehungslösung im folgenden Beitrag: https://natur-photographie.ch/2018/01/07/nachtfotografie/
Empfohlen für Kontrastmessungen und das Zonensystem.

 

Fazit zum Einsatz von externen Belichtungsmessern
Externe Belichtungsmesser sind vor allem im Studio und beim Einsatz von Blitzgeräten eine wertvolle Hilfe. In der Architektur- und Landschaftsfotografie können sie zur Kontrastmessung eingesetzt werden und dienen zur Absicherung und Bestätigung der kamera-internen Messungen und damit der Sicherheit. Wer nach dem Zonensystem arbeiten möchte, sollte sich die Anschaffung eines externen Belichtungsmessers ernsthaft überlegen.

Bei der Landschaftsfotografie geht es darum, Stimmungen einzufangen und zu vermitteln. Diese können vor allem in der Dämmerung von einer „korrekten“ Automatik-Belichtung abweichen. Es ist also wichtig, Tonwerte visualisieren und diese unter Berücksichtigung des Dynamikumfangs des Sensors bestimmten Werten oder Zonen zuordnen zu können. Ein 1°-Spotmesser ist für diese Art von Messungen ideal geeignet. Das Zonensystem ist heute immer noch aktuell, vor allem weil die digitalen Raw-Aufnahmen jetzt wieder einzeln und individuell entwickelt werden, wie das für das Zonensystem ursprünglich vorgesehen war.

 

Empfehlungen für den Kauf eines externen Belichtungsmessers
Überlegen Sie sich zuerst, welchen Nutzen sie aus dem Gerät ziehen wollen: Zeitgewinn, Qualität der Belichtungen, Sicherheit, Einarbeitung ins Zonensystem usw. Visualisieren Sie den zukünftigen Arbeitsablauf so gut wie möglich: Wie müssten Sie im Gegensatz zur heutigen Arbeitsweise vorgehen, was würde Ihnen z.B. eine Lichtmessung bringen oder benötigen Sie Spotmessungen? Sind Sie bereit, langsam zu arbeiten und alle Tonwerte in den Bildern vor der Aufnahme zu analysieren. Bitte seien Sie sich bewusst, dass die Geräte keinerlei Feedback zur Aufnahme geben, dies im Gegensatz zum Live-View bei modernen Kameras, wo das fertige Bild im Display gezeigt wird. Alles was externe Belichtungsmesser zeigen sind Zahlen (Zeit / Blende, ISO-Werte), die manuell und fehlerfrei (!) auf die Kamera übertragen werden müssen.
Studieren Sie die als Download erhältlichen Benutzer-Handbücher der in Frage kommenden Geräte und überprüfen Sie, welche Ihrer geplanten Arbeitsweise nahe kommen. Schauen Sie sich sich alle verfügbaren Videos zum Thema kritisch an. So einfach wie es dargestellt wird, ist es nicht immer, sonst würden nicht viele Grossbild-Film-Fotografen zusätzlich eine kleine Digicam statt eines Belichtungsmessers mitführen. Die meisten Videos gibt es natürlich auf Englisch.

Es braucht Erfahrung um mit externen Belichtungsmessern gleich gute Ergebnisse zu erzielen wie mit der Automatikfunktion von modernen Kameras und sehr viel Erfahrung um konstant bessere Ergebnisse zu bekommen.

Wer vom Einarbeitungsaufwand in Handbelichtungsmesser abgeschreckt wird, dem sei empfohlen, sich mit dem vorhandenen Belichtungsmesssystem der Kamera näher auseinander zu setzen. Bereits mit ein wenig mehr Wissen und Verständnis für solche Systeme, lassen sich die vorgeschlagenen Werte korrigieren und dadurch sichtbar präzisere Belichtungen erzielen.

Hinweis
Dies ist KEINE Gossen-Werbung und ich werde auch nicht von diesem Hersteller unterstützt. Beide Geräte habe ich selber gekauft und alle Aussagen basierend auf meinen persönlichen Erfahrungen.

2 thoughts on “Sind externe Belichtungsmesser im digitalen Zeitalter noch sinnvoll?

  1. Toller Bericht, allerdings würde ich persönlich Gossen Belichtungsmesser nicht wieder kaufen. Bei mir war ein Gossen Belichtungsmesser in kurzer Zeit Schrott. Das gleiche habe ich auch von Fotokurs Teilnehmern erfahren. Ich setze seither auf Sekonic Belichtungsmesser.

    1. In der Zwischenzeit ist mein Gossen Starlite2 auch defekt, Ihre Aussage ist also absolut zutreffend. Leider! Den Digisky verwende ich noch im Studio. Wenn ich wieder Bedarf nach einem 1°-Spotmesser habe, werde ich ebenfalls Sekonic wählen.

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