Die Zeiten der filmbasierten Fotografie sind vorbei – ein Abgesang auf eine veraltete Technik

Zabriskie-Point: Film Kodachrome 64

(In diesem Beitrag wird der Begriff „analoge“ Fotografie verwendet, weil sich dieser eingebürgert hat, obwohl er nicht zutrifft. Gemeint ist damit das traditionelle Silberfilm-Verfahren, im Gegensatz zur digitalen Fotografie.)

 

Gibt es ein Comeback des Silberfilms?
In den Medien findet man in letzter Zeit häufig Artikel über ein Wiederauferstehen des Silberfilms. Stimmt das wirklich und gibt es einen ernst zu nehmenden Trend? Wenn das so wäre, müssten Film-Entwicklungslabors aus dem Boden schiessen, alle etablierten Kamerahersteller würden wieder Kameras für Film anbieten und die ausgestorbenen Hersteller der Zubehörbranche für Film, Papier, Vergrösserer, Entwicklersubstanzen, Laborzubehör usw. wieder auferstehen. Und vor allem würden massenweise Menschen wieder diese Kameras und Filme kaufen. Ich sehe allerdings keine solche Entwicklung. Neben Leica mit gewissen M-Modellen zu horrenden Preisen produziert nur noch Nikon mit der F6 die letzten hochwertigen Filmkameras in kleinsten Stückzahlen, aber wie lange noch? Während es früher in Bern möglich war, Ektachrome-Filme im E-6-Prozess innert einer Stunde entwickelt zu bekommen, gibt es diesen Service schon lange nicht mehr, ja man muss schon froh sein, wenn man noch ein Labor vor Ort findet. Wer auf Silberfilm setzt, handelt sich jede Menge Aufwand ein: Im Gegensatz zu früher muss man heute alles mühsam zusammensuchen: Kameras, Filme, Zubehör, Ersatzteile und Entwicklungslabors. Klar, im Internet findet man alles Benötigte, die Auswahl ist gegenüber früher aber stark eingeschränkt und Artikel müssen bestellt und versandt werden. Eine Besichtigung im Fachgeschäft inkl. Beratung und ggf. sofortigem Kauf gehört der Vergangenheit an.

Offenbar gibt es aber immer noch Anhänger des traditionellen Films und darunter neu auch einige engagierte Junge. Aber daraus einen markanten Trend abzuleiten, finde ich voreilig. Es gibt zwar einige Kickstarter-Projekte für neue analoge Kameras und Kodak will vielleicht den Kodachrome-Film neu aufleben lassen. Aber im Zeitalter des Smartphones und dem damit rückläufigen Fotomarkt, nimmt jeder Hersteller jede Nische wahr, um Umsatz zu machen.

Für die meisten Neueinsteiger in die Silberfilm-Welt ist es Nostalgie, sie wollen einmal am chemischen Filmprozess schnuppern und vielleicht ein Stück der „guten alten Zeit“ erleben. Aber nur wenige haben über einen langen Zeitraum seriös mit Film gearbeitet und praktische Erfahrungen damit gesammelt. (Diejenigen Profis, welche aus nur ihnen bekannten Gründen beim Film geblieben sind, einmal ausgenommen.) Deshalb wird viel Unsinn geschrieben, speziell über Kosten und Argumente für das Arbeiten mit Film. Es werden z.B. Kreativität, Langsamkeit, Überraschungseffekte = Nervenkitzel, Magisches und Geheimnisvolles aufgeführt. Das hat aber mit dem Medium nichts zu tun, z.B. kann ich auch digital langsam arbeiten und niemand ist gezwungen, seine digitalen Bilder vor Ort zu überprüfen. Die Erfahrung hat allerdings gezeigt, dass eine sofortige Kontrolle überaus sinnvoll und angebracht ist. Nebenbei gesagt, könnte man es auch geheimnisvoll finden, wie ein Drucker ein Bild ausgibt. Kein Profi wünscht sich die genannten Argumente für seine Arbeit, ganz speziell nicht den Nervenkitzel, ob die Bilder gut sind. Diese Neueinsteiger sind meistens Gelegenheitsknipser, die sich auf der analogen Spielwiese etwas umsehen.

 

Stilleben Zwiebeln Salz Peffer
Stilleben: Film Ilford Delta 100, Entwickler Kodak D76 1+1, Selen-Tonung

 

Ein Fotograf wird an seinen fertigen Bildern gemessen, nicht an der Art und Weise, wie er diese erstellt. Ich verstehe, dass das Arbeiten am Computer nicht für alle reizvoll ist, aber man sollte nicht das Fotografieren mit Silberfilm zum kreativen Non-Plus-Ultra hochstilisieren, wie das manche tun. Wenn es partout nicht digital sein darf: Wieso dann nicht richtige Handarbeiten wählen wie Zeichnen, Malen, Töpfern, Bildhauen oder ein Musikinstrument spielen? Es gibt so viele Möglichkeiten, sich kreativ auszudrücken und zum Entschleunigen helfen Yoga, autogenes Training, Meditationstechniken oder Sport. Es muss nicht zwingend Fotografie sein: Bilder entstehen im Kopf, wer lieber mit den Händen arbeiten will, liegt mit der Fotografie falsch. Das filmbasierte Arbeiten ist also kein Heilmittel gegen die Hektik der heutigen Zeit. Was man aber ändern kann, ist die persönliche Arbeitsweise. Diejenigen, die sich dafür interessieren und mehr wollen als nur Vollautomatik-Knipsen, finden am Ende dieses Beitrags noch praktische Tipps.

 

Hochschulinstitut für Berufsbildung
Hochschulinstitut für Berufsbildung: Film Agfa APX 25, Entwickler Agfa Rodinal 1+50, Selen-Tonung

Man sollte nicht vergessen, dass es früher keine Wahlmöglichkeit gegeben hat: Jahrzehntelang war der Silberfilm das einzige verfügbare Aufnahme-Medium. Und viele der allerbesten Fotos, die es auf der Erde gibt, wurden darauf belichtet. Bekannte Meister-Fotografen haben aber schon in der Vergangenheit immer die besten Möglichkeiten gesucht und genutzt, die zur damaligen Zeit verfügbar waren. Ansel Adams z.B. war den neuesten Möglichkeiten in der Fotografie gegenüber immer sehr aufgeschlossen und man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass er sämtliche digitalen Features ausgeschöpft hätte. Übrigens war die sofortige Bildkontrolle schon immer eine Anforderung der Profis, deshalb war früher der Einsatz von Polaroid-Material zur Kontrolle des Bildausschnitts und der Belichtung vor allem beim Grossformat weit verbreitet. Es nicht automatisch alles Neue immer besser, aber beim Wechsel von der analogen zur digitalen Fotografie sind die Vereinfachung des Arbeitsablaufs und die Qualitätssteigerung enorm.

Für mich hatte die Entstehung eines Papierbildes auf chemischem Weg nie etwas Geheimnisvolles, den Prozess empfand ich immer nur als mühsam. Während ein Print aus dem Drucker rasch erstellt und praktisch sofort trocken ist, muss der im chemischen Prozess erstellte und tropfnasse noch während Stunden in einer staubfreien (!!) Umgebung getrocknet werden, wie übrigens frisch entwickelte Filme auch. Und wenn Silberfilm und Chemie so toll sind, dann sollte der analoge Prozess während der ganzen Verarbeitung nicht verlassen werden, also über die Filmentwicklung, Vergrösserung bis zur Archivierung. Meistens erfolgt nach der Aufnahme auf Film dann aber der Bruch mit der Tradition und die Bilder werden eingescannt. Wo bleiben da Überzeugung und Konsequenz? Wo liegen Sinn und Nutzen dieses Ablaufs, ausser dass alles länger dauert und komplizierter ist? Klar, nicht jeder hat Platz und Geld für eine festinstallierte, eigene Dunkelkammer, deshalb werden Negative gescannt. Auch dürfte der Aufwand für eine mobile Dunkelkammer, z.B. das Badezimmer, mit stundenlangem Auf- und Abbau sowie Reinigen der Umgebung und Utensilien viele zum Scannen bewegen. Man arbeitet also nur ein bisschen analog, das meiste läuft dann digital inkl. des Ausdrucks.

Ich gehe davon aus, dass vielen Neu-Anhängern des Silberfilms nicht bewusst ist, welcher Aufwand auf sie zukommt, wenn sie den chemischen Prozess in der ganzen Länge einhalten wollen. Und dieser in der heutigen Zeit komplett überflüssige Aufwand zusammen mit den Kosten ist auch der Grund, warum ich nicht an ein „Comeback“ des Silberfilms glaube. Denn wenn es ums Geld geht, sind die meisten Menschen gar nicht schlecht darin, eine Kosten- / Nutzen-Rechnung für ihre Bedürfnisse aufzustellen.

 

Breithorn mit Gornergletscher
Breithorn mit Gornergletscher: Film Ilford Delta 100, Entwickler Kodak D76 1+1, Selen-Tonung

 

Silberfilm: Schwarz / Weiss-Verarbeitung

Sehen wir uns den analogen Arbeitsablauf am Beispiel eines Schwarz-Weiss-Prints etwas näher an. Bei diesem Prozess kann man (ausser der Filmherstellung) praktisch alles selber steuern, also ähnlich wie beim heutigen digitalen Prozess. Beim Selber-Steuern geht es für mich primär um Qualität, die in vielen Fachlabors häufig zu wünschen übrig liess. Zum Beispiel wurde bei Schwarz-Weiss Gross-Vergrösserungen, die ich formatbedingt nicht selber machen konnte und trotz ausdrücklichem Verlangen, nicht richtig fixiert und die Bilder vergilbten nach ein paar Jahren. Das ist mir beim gleichen Bild bei verschiedenen Labors zweimal passiert. Oder Negative wurden verschnitten oder mit Öl verschmiert zurückgegeben. Bei Reklamationen gibt es vielleicht einen Gratisfilm, aber was nützt das? Bei allen Materialien hingegen, die ich selber verarbeitet habe, sind sämtliche Negative und Abzüge auch nach mehr als 30 Jahren noch einwandfrei. Das spricht für die Selbstverarbeitung.

Schritte im analogen Prozess, die in der digitalen Fotografie so nicht nötig sind:
a. Film in Kamera einlegen bei Kleinbild, bei Mittelformat normalerweise in ein Rückteil, bei Grossformat in Kassetten. Klein- und Mittelformat bei Tageslicht, Grossformat in Kassetten bei völliger Dunkelheit, d.h. in einem Wechselsack. Das Einlegen von Rollfilm im Mittelformat ist komplizierter als bei Kleinfilm.
b. ISO-Wert einstellen an Kamera und / oder externem Belichtungsmesser = fixer Wert für den ganzen Film! Alternativ kann man im Mittelformat mehrere Rückteile und im Kleinbild mehrere Gehäuse mit unterschiedlichen Filmtypen mitnehmen. Das ist allerdings eine Kosten- und Gewichtsfrage.
c. Aufnahmen belichten, ggf. Werte wie Aufnahmeort, Blende, Verschlusszeit und Brennweite der Aufnahme notieren. Bei der digitalen Arbeitsweise gibt es diese Metadaten automatisch und gratis zu jeder Aufnahme dazu.
d. Film entwickeln: bei Dosen-Entwicklung einspulen in völliger Dunkelheit oder im Wechselsack, alternativ Film ans Entwicklungslabor schicken.
d. Kontaktkopie (Positiv) auf Papier machen zur Beurteilung der Bilder und entwickeln dieser Kopie. Der Vergrösserer und die Entwicklerschalen für die Bilder sind übrigens abhängig vom Bildformat: Man muss sich vor dem Kauf entscheiden, welches das grösste Format ist, das verarbeitet werden soll.
f. Auswählen und vergrössern der guten Bilder und entwickeln in Schalen: Entwickler-, Stopp- und Fixierbäder, anschliessendes Wässern und ggf. Selen-Tonung.
g. Trocknen der fertigen Bilder.
h. Metadaten für die erstellen Aufnahmen verwalten in Papierkartei oder Computer mit dem Ziel, einerseits die gewünschten Negative rasch wieder zu finden und anderseits Erfahrungen aus den Daten aufzubauen.
i. Filme physisch archivieren: Bei vielen Bildern ein nicht zu unterschätzender Aufwand und auch eine Platzfrage. Schon bald reicht eine alte Schuhschachtel nicht mehr und es sind Schränke und evtl. ganze Zimmer oder Keller dafür nötig. Filme sind empfindlich auf chemische Dämpfe, die aus Leim, z.B. Sperrholzkisten oder ähnlichem austreten.

 

Silberfilm: Farb-Verarbeitung

Dias im E-6 Prozess selbst zu verarbeiten ist grundsätzlich möglich, die Temperatur muss aber genau eingehalten werden und ich habe das nie selber durchgeführt, es gab ja genug Labors in der Umgebung.
Für Positive konnte man anschliessend mit dem Cibachrome-Prozess ab Dia-Material eine Vergrösserung entwickeln und musste dann warten, bis die Trommel wieder trocken war. Also ein Bild pro Nacht, ausser man besass mehrere Trommeln und eine richtige Dunkelkammer. Wer je so gearbeitet hat, weiss wie langsam diese Prozedur ist: Man ist gezwungen, alle Einstellungen zu notieren und nach Beurteilung des ersten Prints bei Tageslicht eventuelle Korrekturen am Farbmischkopf am Folgetag resp. in der folgenden Nacht zu versuchen. Trotzdem ist es mir gelungen, gute Abzüge mit diesem Verfahren zu machen und die Prints halten mehrere Jahrzehnte.

 

Vorteile des analogen Fotoprozesses
In der traditionellen Filmfotografie sehe ich als einzigen Vorteil, dass man aus der üblichen, immer währenden Update-Spirale der Fotoausrüstung aussteigen kann. Das könnte man allerdings auch bei einer digitalen Arbeitsweise. Es gibt ja gar keine Weiterentwicklung des Silberfilms mehr, deshalb genügen die vorhandenen Modelle und die meisten Kameras werden noch jahrelang ihren Dienst verrichten. Auf eBay gibt es ausserdem viele, die ihre hochwertigen, alten Kameras günstig zum Kauf anbieten. Hinweis: Diese Marken-Kameras, ich denke da an Hasselblad, Rollei, Leica, Linhof oder Sinar, waren früher übrigens keineswegs billiger als heutige digitale Spitzenmodelle. Sollte jedoch etwas kaputt gehen, sieht es mit Reparaturmöglichkeiten für diese alten Geräte heutzutage allerdings nicht rosig aus.

 

Matterhorn von Mettelhorn
Matterhorn vom Mettelhorn aus: Film Ektachrome 100, E-6-Prozess

 

 

Häufig genannte Argument für den Silberfilm
Kommen wir zu den wichtigsten Argumenten, die immer wieder zu Gunsten einer filmbasierten Arbeitsweise aufgeführt werden:

Kosten resp. Kostenersparnis: keine Computer-Hardware nötig
Meine Meinung: Dass kein Computer benötigt wird gilt nur, wenn ausschliesslich nach dem traditionellen Prozess gearbeitet wird, inkl. Erfassen von Metadaten auf Papier. Dabei bleiben aber die Auslagen für ein komplettes Labor und der Platzbedarf für umfangreiche Bildersammlungen unberücksichtigt. Alle diejenigen, welche Filme nach dem Belichten einscannen, brauchen sogar noch mehr Hardware, nämlich hochwertige Scanner und entsprechende Software. Computer sind heute aber in jedem Haushalt vorhanden und werden in der Regel nicht speziell für die Fotografie angeschafft.
Im Gegensatz zur digitalen Arbeitsweise kostet jedes analoge Bild bares Geld: 5 Rollfilme 120 für das Mittelformat kosten Fr. 50.—, ohne Entwicklungskosten und Aufbewahrungshüllen, das also für 60 Aufnahmen. Eine fundierte Film-Reportage mit mehreren tausend Aufnahmen als Grundmaterial für einen Bericht kostet tausende von Franken, nur für Filme und Entwicklung. Grossformat-Bilder sind noch ein Vielfaches teurer, deshalb existiert diese Filmgrösse heute praktisch nicht mehr. Kleinbild ist günstiger als Mittelformat, die Bildqualität und Vergrösserungsmöglichkeiten dürfen aber nicht mit den heutigen digitalen Kameras verglichen werden, speziell nicht mit solchen, die Sensoren grösser als 35 Megapixel aufweisen.
Bei Kameras ohne eingebauten Belichtungsmesser sollte dann ein richtiger externer Belichtungsmesser zum Einsatz kommen, nicht eine App auf dem Smartphone oder – ein schlimmer Stilbruch – eine zusätzliche digitale Kamera für die Belichtungsmessung. Gute Belichtungsmesser sind nicht gerade billig und für die Einarbeitung sollte die notwendige Zeit und der unumgängliche Ausschuss an Material investiert werden.
Wenn die guten alten Marken-Kameras einmal ihr Lebensende erreichen, dann wird ein vergleichbarer Ersatz entweder unmöglich oder extrem teuer werden. Bei den neuen Startup-Projekten für analoge Kameras, die als Ersatz dienen könnten geht es um günstige Modelle für Gelegenheitsbenutzer, nicht um Highend-Produkte für den täglichen Einsatz.

 

Rolleicord
Rolleicord: mehr als 50 jährig, seit Jahren nicht mehr gebraucht, noch funktionsfähig

 

Langzeitarchivierung
Meine Meinung: Ja, Filme sind bei korrekter Lagerung jahrzehntelang haltbar, wobei Farbfilme mit der Zeit ausbleichen. Gefahren drohen z.B. von Wasserschäden, Bränden und nicht fachgerechter Lagerung. Viele Fotosammlungen sind durch Brände komplett vernichtet worden. Im Gegensatz zur digitalen Arbeitsweise hat niemand mehrere Kopien von Filmen an verschiedenen Standorten gelagert.
Die meisten haben ihre Negative digitalisiert und viel Zeit in die Aufbereitung und Nachbearbeitung der digitalen Files investiert – ein Aufwand, den niemand ein zweites Mal auf sich nehmen möchte. Sie haben damit also genau die gleichen Anforderungen an die Langzeitarchivierung wie reine Digital-Fotografen.

bewusstes Fotografieren, kreativere Bilder
Meine Meinung: Bewusstsein und Kreativität sind nicht vom Aufnahme-Medium abhängig sondern von der Person hinter der Kamera. Und: unscharfe, falsch belichtete, grobkörnige Schwarz-weiss-Aufnahmen à la Holga sind nicht automatisch kreativer als farbige digitale Bilder.

kleinere, kompaktere analoge Kameras
Meine Meinung: Hier werden Äpfel mit Melonen verglichen. Meine Hasselblad-Ausrüstung inkl. Stativ und Belichtungsmesser war mindestens doppelt so schwer wie die heutige, umfangreichere digitale Ausrüstung. Die analoge Kleinbild-Ausrüstung war punkto Gewicht mit der heutigen digitalen vergleichbar. Klar gab es früher auch kleine und leichte Kameras, aber ebenso viel schwerere Mittelformat- und Grossformat-Apparate. Wer heute Wert auf Kompaktheit legt, sollte ein Smartphone verwenden.

 

Nachteile des analogen Fotoprozesses
Man kann es drehen und wenden wie man will: das traditionelle Film-Verfahren hat fast nur Nachteile. Die wichtigsten sind:
– Langsamkeit = unprofessionell, kein Auftraggeber wartet heute tagelang, bis er seine Bilder zu Gesicht bekommt
– teure Film- und Entwicklungskosten
– Kleiner Dynamikumfang des Silberfilms, z.B. nur 5-7 Stufen beim Diafilm im Gegensatz zu heutigen Sensoren mit 14 Stufen
– Bild-Qualität des Silberfilms im Format 24x36mm mit den heutigen Vollformat-Sensoren nicht vergleichbar
– Für den professionellen Einsatz in der heutigen Zeit nur bedingt geeignet: Zuverlässigkeit der alten Kameras fragwürdig, Reparatur und Ersatz unsicher, manuelle Belichtung und Scharfstellung von der Erfahrung abhängig (und diese fehlt bei Neueinsteigern in der Regel), keine feinkörnigen Filme über 400 ISO verfügbar, was Aufnahmen bei schlechten Lichtverhältnissen erschwert
– Prozess nur teilweise unter eigener Kontrolle: Verlust beim Versand, mögliche Beschädigungen der Negative im externen Labor durch Verschnitt, Flecken usw.
– Chemikalien haben ein Verfalldatum, nach dem Ansetzen müssen sie in der Regel innert 6 Monaten verbraucht werden. Sie sind umweltschädlich, speziell das Fixierbad. Eine Sammlung und Sonder-Entsorgung ist Pflicht d.h. schon wieder ein Zusatzaufwand. Auch Filme sind nicht unbeschränkt haltbar.

 

 

Zukunft des Silberfilms
Als nostalgische Liebhaberei wird die Silberfilm-Fotografie noch Jahre überdauern und evtl. als Nischenprodukt sogar Jahrzehnte weiter existieren. Entscheidende Marktanteile kann sie jedoch nicht mehr erobern, dafür sind die Nachteile des Verfahrens einfach zu gross. Spätestens dann, wenn die existierenden Marken-Kameras ihr Lebensende erreichen, die letzten Film- und Chemikalien-Entwickler ihre Produktion einstellen weil ihre Produktionsanlagen erneuert werden müssten und sich das umsatzmässig nicht rechnet, bleibt für die analogen Kameras nur die Vitrine, das Museum oder der Flohmarkt.
Für Nostalgiker wird es jedoch immer Spielwiesen geben. Heute sind es neben der Fotografie Vinyl-Platten, Kassettenrecorder, mechanische Schreibmaschinen, Röhrenverstärker, Dampflokomotiven usw. Bei der demnächst anstehenden Umstellung auf Elektoautos wird es wieder Leute geben, die dem Verbrennungsmotor nachtrauern und versuchen werden, mit einem alten Modell herumzufahren.

 

Tipps für ein langsames und bewusstes Arbeiten auch mit digitalen Kameras
– Schalten Sie alle Automatikfunktionen aus. Wählen Sie das manuelle Programm, stellen Sie manuell scharf oder verwenden Sie manuelle Objektive (z.B. Zeiss Loxia-Serie) und blenden Sie Live-View, Live-Histogramme, elektronische Nivellierungshilfen usw. aus. Verzichten Sie auf eine sofortige Bildkontrolle. Machen Sie nicht mehr als 36 oder maximal 72 Aufnahmen pro Tag.
– Ermitteln Sie die Belichtung manuell, am besten mit einem externen Belichtungsmesser. Arbeiten Sie sich ins Zonensystem ein und legen Sie sich einen Spotbelichtungsmesser zu. Alternativ kann auch der kamera-interne Spotbelichtungsmesser verwendet werden, allerdings muss dann der Kontrastumfang mittels Kopfrechnen ermittelt werden.
– Für die Arbeitsweise mit externen Belichtungsmessern eignet sich ein Stativ sehr gut, weil der Ausschnitt einmal gewählt wird und dann helle und dunkle Stellen im Bild gezielt angemessen werden können, ohne dass sich der Bildausschnitt verändert. Ein Stativ trägt ausserdem zum langsamen Arbeiten bei.

Machen Sie viele Testaufnahmen, bevor Sie sich an wichtige Arbeiten wagen und arbeiten Sie ein ein Jahr lang nach dieser Methode. Ich bin sicher, Sie werden den Silberfilm nicht vermissen.

 

Wald

Wald: Film Ilford Delta 100, Entwickler Kodak D76 1+1, Selen-Tonung

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