Nachtfotografie

Die Stimmung in der Nacht ist ganz anders als am Tag: dunkel, geheimnisvoll oder gar bedrohlich, dort wo kein Licht ist. Objekte, z.B. Fassaden, die am Tag unscheinbar wirken, erwachen in der Nacht durch künstliche Beleuchtung zum Leben. Auf dem Wasser spiegeln sich Lichter, Himmel und Schatten sind nicht nur dunkel sondern häufig tiefschwarz. Der ideale Zeitpunkt für nächtliche Aufnahmen ist, wenn es geregnet hat und sich Lichter im Wasser spiegeln. Ein nasser Platz mit Regenpfützen wirkt ganz anders als der gleiche Platz im trockenen Zustand. Was für unsere Augen nicht sichtbar ist, kann eine Kamera durch lange Belichtungszeiten aufnehmen, z.B. Lichtsterne und -streifen. Bekanntlich braucht es zum Fotografieren Licht, d.h. in der absoluten Finsternis kann man nichts aufnehmen, unabhängig davon wie lange belichtet wird. Aber bereits bei wenig Licht sind Aufnahmen möglich. Ob sie gut sind, hängt von der Qualität des Lichts und natürlich von der Komposition des Bildes ab.

 

Nachts in Luzern

 

Thun, Niesen und Stockhorn

 

Lichtstreifen durch vorbeifahrendes Tram

 

Lichtstreifen durch Autos

 

Die frühen Morgenstunden (vor und während der blauen Stunde) eignen sich besonders gut, weil weniger Leute unterwegs sind und durch das Bild marschieren. Aus Umweltschutzgründen bleiben viele Beleuchtungen aber nicht die ganze Nacht eingeschaltet, was sinnvoll ist, für den Nacht-Fotografen jedoch eine Einschränkung bedeutet. Da kann man schon Enttäuschungen erleben, wenn nach einer längeren Anreise die städtische Szene im Dunkeln liegt, am Besten also vorher abklären. Für Blaue Stunde siehe diesen Link.

Blaue Stunde in Bern

 

Die Winterzeit mit den langen Nächten ist ideal für Nachtaufnahmen: man muss nicht so früh aufstehen resp. nicht so lange aufbleiben. In der Weihnachstzeit gibt es zudem interessante Zusatzbeleuchtungen, am Silvester jeweils auch noch Feuerwerke. Gutes Licht für mich sind natürliches Licht zur Zeit der blauen Stunde, warme Glühlampen oder farbige Neonlichter, idealerweise eine Kombination aus beiden also aus natürlichem Licht und Kunstlicht. Wenn die blaue Stunde anbricht, ist der Himmel nicht mehr schwarz sondern blau, die Stimmung nicht so schwer.

Weihnachtsbeleuchtung in Luzern

 

 

Blaue Stunde am Schwellenmätteli

 

Auch nächtliche Gewitter mit Blitzen können interessant sein. Dabei ist es etwas Glücksache, ob und wieviele Blitze man mit einer Belichtung einfangen kann. Die Astrofotografie ist eine Spezialität der Nachtfotografie, bei der Mond, Sterne und weit entfernte Galaxien abgelichtet werden. Das ist allerdings ein Spezialgebiet der Fotografie und der technische und materielle Aufwand dafür kann sehr gross werden.

Vollmond über dem Bantiger

 

Einfacher zu realisieren ist die Lichtmalerei oder Lightpainting auf Englisch. Wenn bei einer Langzeitbelichtung entweder die Kamera oder Taschenlampen, brennende Zündhölzer oder ähnliches bewegt wird, kann die ganze Bewegung des Lichts eingefangen werden, was zu schönen und kreativen Effekten führt.

Lightpainting durch Bewegen der Kamera

 

Lightpainting durch Bewegen von Lampen

 

Wenn Sie die Nachfotografie interessiert, sollten Sie das unbedingt ausprobieren. Das allerwichtigste dabei ist, zur richtigen Zeit vor Ort zu sein, auch wenn das für einmal etwas weniger Schlaf bedeutet. Die Ergebnisse werden Sie dafür entschädigen. Nachstehend ein paar technische Hinweise und Tipps, damit bereits die ersten Aufnahmen gelingen.

Kamera
Hersteller und Fabrikat sind grundsätzlich nicht relevant, wichtig ist aber, dass alle Einstellungen auch manuell möglich sind. Bei Film müssen Sie den Schwarzschildeffekt beachten, d.h. die Belichtung muss zusätzlich verlängert werden. Die Verlängerungsfaktoren finden Sie teilweise auf den Filmverpackungen oder im Internet.

Stativ
Neben der Kamera der wichtigste Ausrüstungsgegenstand. Die Marke ist unwichtig, es zählt nur die Stabilität und das Gewicht. Das Stativ muss auch bei Wind bombenfest stehen. Bei Wind während den Aufnahmen den Kameragurt abnehmen oder festhalten und das Stativ beschweren, z.B. den Rucksack anhängen, wegen möglicher Erschütterungen.

Kabelauslöser
USB-Auslöser für moderne Kameras oder Drahtauslöser für ältere Modelle mit Schraubgewinde im Auslöser. Verwendung eines Timers für Belichtungszeiten grösser als 30 Sekunden.

Selbstauslöser
Für Zeiten unter 30 Sekunden kann auch der Selbstauslöser mit 10 Sekunden Vorlaufzeit eingesetzt werden. Dadurch wird sichergestellt, dass bei der Auslösung keine Erschütterungen auf die Kamera übertragen werden.

Aufnahmeformat
Unbedingt das Raw-Format wählen, damit steht bedeutend mehr Spielraum zum Aufhellen von Schatten, Reduktion von Lichtern oder zum Optimieren des Weissabgleichs resp. der Farben zur Verfügung.

ISO
Die für das Kameramodell native ISO-Zahl wählen, das ist in den meisten Fällen ISO 100.

Belichtungsmessung, Belichtung
Die Kamera-interne Belichtungsmessung arbeitet nur bis Verschlusszeiten von maximal 30 Sekunden. Mit diesen Verschlusszeiten bis 30 Sekunden lassen sich an gut beleuchteten Orten aber bereits die meisten Aufnahmen realisieren. Man kann die Einschränkung des Messbereichs jedoch umgehen indem die ISO-Zahl hochgeschraubt wird. Dies ist ein grosser Vorteil moderner Kameras, welche die Belichtung direkt auf dem Sensor messen. Bei Handbelichtungsmessern oder älteren Kameras mit Silizium-Dioden funktioniert das mit der ISO-Erhöhung nicht: Wenn zu wenig Licht vorhanden ist, kann auch nicht mehr gemessen werden. Wenn aber genug Licht vorhanden ist, zeigen externe Handbelichtungsmesser Zeiten bis 30 Minuten an.

Belichtungszeiten länger als 30 Sekunden lassen sich bei den meisten Kameras nur mit externem Timer realisieren. Kamera auf „B“ wie Bulb einstellen. Belichtungsmessung: ggf. ISO-Zahl erhöhen und die Belichtungszeit berechnen, siehe Beispiel weiter unten. An modernen Kameras kann die Matrix-Messung verwendet werden. Multi-Pattern, Mehrfeldmessung usw. sind andere Bezeichnungen für den gleichen Begriff. Bei älteren Kameramodellen muss ausprobiert werden, welche (wenn überhaupt wählbar) Art der Messung die besten Resultate ergibt.

Blende
Häufig genügt eine mittlere Blende, z.B. 8 oder 11, die meisten Objektive sind in diesem Bereich auch am leistungsstärksten, d.h. sie haben die beste Auflösung und die wenigsten Abbildungsfehler. Für Lichtsterne abblenden auf Blende 16 oder 22.

Spiegelvorauslösung
Bei DSLR jeweils die Spiegelvorauslösung zur Reduktion von Erschütterungen verwenden, diese Massnahme entfällt bei mirrorless-Modellen.

Bildstabilisator und Rauschunterdrückung
Bildstabilisator und Rauschunterdrückung ausschalten. Bei eingeschalteter Rauschunterdrückung dauert jede Aufnahme doppelt so lange, weil zwei Aufnahmen gemacht werden, die dann Kamera-intern miteinander verrechnet werden.

Betriebsart
M (Manuell) oder A (A = aperture, also Blendenvorwahl), manuell scharf stellen oder wenn Autofokus, diesen nach dem Scharfstellen ausschalten.

Hilfsmittel
Live-View verwenden, häufig wäre eine „korrekte“ Belichtung gemäss Kamera zu hell und muss nach unten korrigiert werden, damit die Stimmung eingefangen werden kann, also eine kürzere Belichtungszeit gewählt werden. Aufnahmen während der blauen Stunde etwas kürzer belichten, weil es laufend heller wird, vor allem bei Langzeitbelichtungen mit ND-Filtern. Kontrolle der Bilder mittels Histogram, vor allem rechts, die Lichter dürfen nicht ausgefressen sein, die Schatten links werden absaufen, aber das ist normal, es ist ja Nacht und wir wollen die Nacht nicht zum Tag machen. Im Winter Ersatzbatterie für die Kamera unter der Jacke tragen und warmhalten. Taschen- oder Stirnlampe zur Kontrolle der Einstellungen, für den Objektivwechsel oder für Lightpainting. Wenn möglich: Gegend am Tag auskundschaften wobei man die Beleuchtung leider erst Nachts sieht. Man kann am Tag aber bereits lohnende Standorte finden.

Beispiel für die Berechnung einer Langzeitbelichtung mit der Sony a7-Serie
Die erste Matrixmesung der nächtlichen Szene zeigt 30 Sekunden blinkend für Blende 11 bei ISO 100. Wenn der Wert für die Verschlusszeit blinkt, ist die Belichtung ungenügend. (Eine Anzeige von 30 Sekunden ohne  Blinken wäre also OK.)
Jetzt wird die ISO-Zahl auf 800 erhöht.
Die zweite Messung zeigt 20 Sekunden für Blende 11 bei ISO 800. Das sind drei Stufen (ISO 200, 400 und 800) mehr, also muss für eine korrekte Belichtung mit ISO 100 die Verschlusszeit um drei Stufen verlängert werden: 20 Sekunden * 2 = 40 Sekunden * 2 = 80 Sekunden * 2 = 160 Sekunden, d.h. 2 Min. 40 Sek.
Die Aufnahme erfolgt nun im manuellen Modus (Verschlusszeit = B) und externem Timer mit folgenden Werten: Verschlusszeit = 2 Min. 40 Sekunden, Blende 11, ISO 100

Sollen zusätzlich Neutraldichtefilter (ND-Filter, Graufilter) eingesetzt werden, z.B. um Wasseroberflächen zu glätten, muss die ermittelte Zeit angepasst werden. Dafür gibt es vom Filterhersteller LEE eine iPhone-App, um die Belichtungszeit zu berechnen. Diese App hat praktischerweise zusätzlich noch einen Timer. Das folgende Beispiel zeigt eine errechnete Belichtungszeit ohne Filter von 15 Sekunden, welche für einen „Little Stopper“ auf 16 Minuten verlängert werden muss. Das heisst, die Belichtungszeiten werden rasch sehr lang, was in der blauen Stunde oder dem Sonnenaufgang zu falschen Werten führen kann, weil sich das Licht während der Belichtung laufend ändert. Um dem entgegen zu wirken kann der ISO-Wert erhöht werden, man nimmt dafür ein grösseres Bildrauschen in Kauf. Diesem wiederum kann mit der Rauschreduktion in Lightroom oder mit Dfine in den NIK-Tools begegnet werden.

Ich wünsche Ihnen viel Spass und Erfolg bei den nächtlichen Fotoexkursionen.

 

Rheinfall bei Nacht und Nebel

 

Nachts an einer wenig befahrenen Strasse

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